In den alten keltischen und germanischen Kulturen wurde Zeit nicht als gerade Linie verstanden, sondern als Kreis – als fortlaufende Bewegung von Werden, Wachsen, Reifen und Vergehen. Das Jahr galt als geschlossener Kreislauf: Ein Ende war zugleich ein Neubeginn.
Der Jahreskreis vollendet sich zur Wintersonnenwende im Dezember – in der längsten Nacht und am kürzesten Tag des Jahres. Mit der Wiedergeburt des Lichts beginnt ein neuer Zyklus. Bildlich können wir uns die Jahre wie übereinanderliegende Kreise vorstellen, die sich spiralförmig weiterentwickeln: Jeder Durchgang ist vertraut – und doch neu.
Der Jahreskreis gliedert sich in acht Feste, die im Abstand von etwa sechs Wochen aufeinander folgen. Sie markieren die wesentlichen Wendepunkte des Sonnenjahres:
Wintersonnenwende – tiefste Nacht, Neubeginn des Lichts
Frühjahrs-Tagundnachtgleiche – Gleichgewicht von Licht und Dunkel
Sommersonnenwende – Höhepunkt der Sonnenkraft
Herbst-Tagundnachtgleiche – erneutes Gleichgewicht, Zeit der Ernte
Ergänzt werden diese vier astronomischen Punkte durch die traditionellen Mond- bzw. Zwischenfeste, die in vorchristlichen, besonders auch matrifokalen Traditionen eine große Rolle spielten. Sie würdigen die Übergänge zwischen den großen Sonnenstationen und ehren den Mond als Symbol des weiblichen Prinzips. Diese Feste sind:
Imbolc (Februar)
Beltaine (Mai)
Lughnasad (August)
Samhain (November)
Gemeinsam bilden diese acht Stationen die „Speichen“ eines Rades – den Jahreskreis.
Die bewusste Hinwendung zu den Jahreskreisfesten lädt dazu ein, innezuhalten. Jede Jahreszeit trägt eine eigene Qualität: Aufbruch, Fülle, Rückzug, Wandlung. Wenn wir diese Rhythmen in der Natur wahrnehmen, erkennen wir oft auch Parallelen in uns selbst.
Unser Energiehaushalt, unser Bedürfnis nach Aktivität oder Ruhe, unser inneres Erleben – all das steht in Beziehung zu Licht, Dunkelheit und den natürlichen Zyklen.
Die Arbeit mit dem Jahreskreis kann uns dabei unterstützen:
Veränderungen als natürlichen Teil des Lebens anzunehmen
den eigenen Rhythmus besser zu verstehen
bewusster mit Kraftphasen und Rückzugszeiten umzugehen
Vertrauen in die wiederkehrenden Zyklen des Lebens zu entwickeln
Der Jahreskreis lässt sich auch als Sinnbild für den menschlichen Lebensweg betrachten – von der Geburt bis zum Tod, vom Neubeginn bis zur Vollendung. Viele ganzheitliche Traditionen ordnen ihm zudem die Himmelsrichtungen, Elemente und ein geistiges Zentrum zu.
Innerhalb einer göttinnenzentrierten Sichtweise spiegeln sich im Jahreskreis unterschiedliche weibliche Archetypen wider: die junge Frau, die Liebende, die Mutter, die Königin, die Weise Alte und weitere Facetten weiblicher Erfahrung. Diese Bilder können Frauen dabei unterstützen, ein tieferes Verständnis für die verschiedenen Lebensphasen und inneren Wandlungen zu entwickeln.
In meinen Jahreskreisfesten entsteht ein achtsamer, geschützter Raum, in dem wir die jeweilige Qualität der Jahreszeit bewusst wahrnehmen und erleben. Mit Ritualen, Naturverbindung, Austausch und Momenten der Stille richten wir unseren Blick nach außen – auf die Veränderungen in der Natur – und zugleich nach innen, auf das, was sich in uns wandeln möchte.
Ein besonderer Schwerpunkt meiner Arbeit liegt in der Verbindung mit der keltischen Göttin Brigid – Göttin der Heilung, der Transformation und der Schmiedekunst. Sie steht sinnbildlich für die Kraft, Altes zu wandeln und Neues bewusst zu formen. In den Jahreskreisfesten öffnen wir uns ihrer heilsamen Energie und lassen uns inspirieren, innere Prozesse achtsam zu begleiten und eigene Entwicklungsschritte klarer zu erkennen.
So wird der Jahreskreis zu einer lebendigen Praxis: ein Weg, der erdet, stärkt und daran erinnert, dass jedes Ende zugleich den Keim eines Neubeginns in sich trägt.