Wenn wir heute von Elfen oder Elben hören, entstehen vor unserem inneren Auge ganz unterschiedliche Bilder. Die moderne Vorstellung von Elfen wurde stark durch Märchen, Literatur, Fantasy und Film geprägt. Manche denken an kleine, geflügelte Naturwesen, andere an die hochgewachsenen, lichtvollen Elben, wie wir sie beispielsweise aus Tolkiens Herr der Ringe kennen.
Die Wurzeln dieser Vorstellungen reichen jedoch sehr viel weiter zurück.
Die Alben, altnordisch Álfar, altenglisch Ælfen, sind der sprachliche Ursprung unserer heutigen Begriffe „Elfen“ und „Elben“. Sie begegnen uns sowohl in den altnordischen als auch in den altenglischen Überlieferungen.
Dabei waren die Álfar in der alten nordisch-germanischen Vorstellungswelt keineswegs einfach Märchenwesen. Sie erscheinen als machtvolle Wesen einer eigenen geistigen Welt und werden in den Überlieferungen immer wieder gemeinsam mit den Göttern genannt:
Æsir ok Álfar – Asen und Alfen.
Diese Verbindung zeigt, welch besondere Stellung ihnen innerhalb der alten Glaubenswelt zukam.
Die genaue Herkunft des Wortes Alf ist bis heute nicht vollständig geklärt.
Als germanische Grundform wird albaz beziehungsweise albiz angenommen. Die weitere sprachliche Verwandtschaft ist jedoch nicht eindeutig.
Eine mögliche Herleitung führt zur indoeuropäischen Wurzel albh, die mit „glänzen“, „leuchten“ oder „weiß sein“ verbunden wird. In diesem Zusammenhang wird auch das lateinische albus – „weiß“ – genannt.
Eine andere mögliche Verbindung führt zu den altindischen ṛbhú, einer Gruppe mythischer, besonders geschickter Handwerker und kunstfertiger Wesen. In dieser Deutung könnte albaz eher etwas wie „geschickter Handwerker“ oder „magischer Helfer“ bedeutet haben. Auch in den nordischen Überlieferungen begegnen uns die Álfar teilweise als kunstfertige und außergewöhnliche Wesen.
Für mich ist jedoch die Vorstellung der Leuchtenden oder lichten Wesen besonders stimmig.
Sie beschreibt etwas, das über die gewöhnliche menschliche Existenz hinausweist: Licht, Bewusstsein, Schönheit, Weisheit und eine besondere Nähe zu den Kräften der Schöpfung.
Die Álfar sind für mich weit mehr als die „Elfen“, die wir aus Märchen und der modernen Fantasy kennen.
Sie bilden eine eigene Welt geistiger und übernatürlicher Wesen, die in den alten Überlieferungen mit den Göttern, der Natur, der Fruchtbarkeit und den Kräften des Lebens verbunden sind.
Zu dieser Welt gehören auch die lichtvollen Ahnen.
Ein Mensch, der seinen irdischen Lebensweg vollendet hat, kann in dieser Vorstellung Teil der Ahnenwelt werden. Doch nicht jeder Verstorbene ist deshalb automatisch ein Lichtalf.
Die Lichtalfen stehen für eine höhere, geläuterte und erleuchtete Form des Seins.
Sie sind jene Ahnen, die den Kreislauf von Tod und Wiedergeburt überwunden haben und in eine lichte Daseinsform eingegangen sind.
Doch die Welt der Lichtalfen umfasst mehr als die Ahnen der Menschen.
Zu ihr können auch Naturwesen, Ortsgeister und andere nichtmenschliche Wesen gehören, die seit jeher mit bestimmten Landschaften, Orten und den Kräften der Natur verbunden sind.
Die Álfar sind somit keine einheitliche Gruppe im menschlichen Sinne. Vielmehr begegnet uns unter diesem Namen eine vielschichtige Welt lichter Wesen, die mit Natur, Fruchtbarkeit, Ahnenkraft, Schönheit, Wissen und den verborgenen Kräften des Lebens verbunden ist.
Gerade deshalb empfinde ich den Begriff „die Leuchtenden“ als besonders passend.
Die Lichtalfen verkörpern für mich das, was sich aus dem Dunkel ins Licht entwickelt hat: Bewusstsein, Weisheit und eine Form des Seins, die über die Begrenzungen des menschlichen Lebens hinausweist.
In den nordischen Mythen werden die Álfar häufig gemeinsam mit den Asen genannt. Die Formel Æsir ok Álfar – „Asen und Alfen“ – begegnet uns mehrfach.
Dies lässt darauf schließen, dass man die Álfar als bedeutende und machtvolle Wesen betrachtete und ihnen eine besondere Nähe zur göttlichen Welt zuschrieb.
Über einzelne Álfar wissen wir allerdings nur sehr wenig.
Nur wenige werden in den erhaltenen Quellen namentlich genannt. Gerade deshalb sind die wenigen Hinweise besonders interessant.
Im Hávamál, der „Rede des Hohen“ aus der Älteren Edda, werden die Runen und ihre Überlieferung beschrieben.
Dort heißt es sinngemäß:
Bei den Asen war es Odin,
bei den Alben Dáinn,
bei den Zwergen Dwalinn,
bei den Riesen Ásvíðr –
und ich selbst ritzte einige.
Dáinn ist damit einer der wenigen namentlich genannten Álfar.
Sein Name wird mit „der Verstorbene“ in Verbindung gebracht.
Für mich liegt darin eine bemerkenswerte Verbindung zwischen den Álfar und der Welt der Verstorbenen und Ahnen.
Der Tod muss in dieser Vorstellung nicht das endgültige Ende des Seins bedeuten. Der Verstorbene kann Teil der Ahnenwelt werden und sich – über einen längeren Entwicklungsweg – zu einem lichtvollen Wesen wandeln.
Doch auch hier gilt: Die Álfar sind nicht ausschließlich verstorbene Menschen. Die Überlieferungen weisen auf eine größere und vielfältigere Welt von Wesen hin.
Besonders deutlich wird die Verbindung zwischen Álfar und Ahnen in verschiedenen nordischen Überlieferungen.
Ein eindrucksvolles Beispiel ist Óláfr Geirstaðaálfr, ein mythischer Vorfahr der Ynglinger.
Sein Beiname bedeutet sinngemäß „Alf von Geirstaðir“.
An seinem Grabhügel wurden Gaben dargebracht. Diese standen unter anderem mit Fruchtbarkeit, Frieden und einer guten Ernte in Verbindung.
Der Ahn war also nicht einfach „tot“. Man ging davon aus, dass seine Kraft weiterhin wirksam sein konnte.
Auch im Wölundlied der Älteren Edda wird der mythische Schmied Wölund als „Fürst der Alfar“ bezeichnet.
Diese Überlieferungen zeigen, wie eng die Vorstellungen von Ahnen, Álfar, Naturkräften und göttlicher Wirksamkeit miteinander verbunden sein konnten.
Für mich bedeutet das: Beim Alfablot ehren wir nicht nur unsere unmittelbaren menschlichen Vorfahren. Wir wenden uns einer größeren Ahnen- und Geisterwelt zu, in der auch Naturwesen, Ortsgeister und andere nichtmenschliche Wesen ihren Platz haben können.
Für mein Verständnis des Alfablot ist besonders die Vorstellung der geläuterten Ahnen von Bedeutung.
Der Tod beendet den Weg eines Menschen nicht zwangsläufig.
Der Ahn kann weiterwirken, kann seine Nachkommen begleiten und kann sich auf seinem geistigen Weg weiterentwickeln.
Die Lichtalfen stehen für mich dabei für jene Wesen, die diesen Weg in besonderer Weise vollendet haben.
Sie sind lichtvoll und erleuchtet.
Sie sind nicht mehr im ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt gefangen.
Sie haben eine Form des Bewusstseins erreicht, die über die menschliche Existenz hinausgeht.
Doch die Lichtalfen sind nicht ausschließlich solche Ahnen. Die lichte Welt der Álfar ist größer und umfasst auch andere Wesenheiten, die nicht aus einer menschlichen Ahnenlinie hervorgegangen sind.
So verbindet sich in der Welt der Álfar das Ahnenhafte mit dem Naturhaften und dem Göttlich-Lichten.
In der jüngeren Edda des isländischen Gelehrten Snorri Sturluson finden wir eine Unterscheidung zwischen Lichtalfen und Dunkelalfen beziehungsweise Schwarzalfen.
Diese Einteilung ist jedoch mit Vorsicht zu betrachten.
Snorri schrieb Jahrhunderte nach der vorchristlichen Zeit und war selbst Christ. Es ist deshalb möglich, dass seine Darstellung bereits durch mittelalterliche christliche Vorstellungen beeinflusst wurde.
Die Gegenüberstellung von Licht und Dunkel sollte daher nicht einfach mit der modernen Vorstellung von „gut“ und „böse“ gleichgesetzt werden.
Für mein Alfablot steht vielmehr die lichte Seite der Álfar im Mittelpunkt: die Leuchtenden, die Erleuchteten, die lichtvollen Ahnen und die mit der Natur und den göttlichen Kräften verbundenen Wesen.
Auch die altenglischen Überlieferungen weisen auf eine enge Verbindung zwischen den Álfar und der Natur hin.
Dort begegnen uns beispielsweise Bezeichnungen für Waldelfen und Wasserelfen.
Das zeigt, dass bestimmte Alf-Wesen mit Landschaften und Naturbereichen verbunden gedacht wurden.
Auch das altenglische Wort ælfsciene, „alfenschön“ oder „schön wie ein Alf“, bezeichnet etwas von außergewöhnlicher Schönheit.
So verbinden sich mit den Álfar Vorstellungen von:
Schönheit – Licht – Natur – Fruchtbarkeit – Magie – Ahnenkraft – Weisheit.
Diese Verbindung ist für mich ein wesentlicher Teil des Verständnisses des Alfablot.
In den nordischen Überlieferungen wird Álfheimr als die Welt beziehungsweise das Reich der Álfar beschrieben.
Nach Snorris Darstellung ist Álfheimr insbesondere die Heimat der Lichtalfen.
Gleichzeitig ist Álfheimr eng mit Freyr verbunden.
Freyr gehört zu den Vanen und ist der Gott von Fruchtbarkeit, Wachstum, Frieden und Wohlstand. Ihm werden Regen und Sonnenschein sowie das Gedeihen der Erde zugeschrieben.
Damit verbindet sich die Welt der Álfar unmittelbar mit den Kräften, die das Leben auf der Erde erhalten und wachsen lassen.
Auch Freyrs Name und seine Verbindung zu den Ynglingern führen uns in einen Bereich, in dem Götter, Ahnen, Fruchtbarkeit und die Welt der Álfar miteinander verwoben sind.
Im Mittelpunkt meines Alfablot steht Freyja.
Freyja ist für mich weit mehr als die Göttin der Liebe und Schönheit.
Sie ist die große Göttin der Magie, des Seiðr, der weiblichen Kraft, der Wandlung, der Liebe, der Sinnlichkeit und der Geheimnisse zwischen den Welten.
Sie besitzt das Falkengewand, mit dem sie ihre Gestalt wandeln und sich zwischen den Welten bewegen kann.
Sie ist mit den Gefallenen verbunden und empfängt einen Teil der im Kampf Gefallenen in ihrem Reich Fólkvangr.
Freyja kennt daher die Kräfte von Leben und Tod.
Sie kennt Verlust und Wiederkehr.
Sie kennt Liebe und Leidenschaft.
Sie kennt die Magie und die Geheimnisse der Anderswelt.
Und sie kennt den Weg der Wandlung.
Gerade deshalb steht sie im Zentrum meines Alfablot.
Freyja führt uns an die Schwelle zur Anderswelt und begleitet unsere Begegnung mit den Ahnen, den Álfar und den göttlichen Mächten.
An der Seite Freyjas stehen für mich ihre neun Maiden.
Die Zahl Neun besitzt in der nordisch-germanischen Mythologie eine besondere Bedeutung und begegnet uns immer wieder in Zusammenhang mit weiblichen Wesen, Schicksalskräften und den Geheimnissen der Anderswelt.
Die neun Maiden verkörpern für mich unterschiedliche Kräfte und Aspekte der Göttin.
Sie begleiten Freyja und öffnen Tore zu ihren verschiedenen Mysterien:
zu Liebe und Schönheit, Fruchtbarkeit und Leben, Magie und Seiðr, Weisheit und Wandlung, Schutz, Tod und Wiedergeburt und schließlich zur Erleuchtung.
Sie sind für mich Begleiterinnen auf dem Weg zwischen den Welten und Teil der weiblichen Kraft, die Freyja umgibt.
So wird das Alfablot zu einem Fest, an dem wir uns nicht nur den Ahnen und Álfar zuwenden, sondern ganz bewusst Freyja und ihren neun Maiden begegnen.
Das altnordische Wort Blót bezeichnet eine kultische Handlung, die den Göttern, Ahnen, Geistern oder anderen verehrten Mächten gewidmet ist.
Häufig wird Blót mit „Opfer“ übersetzt.
Dabei sollten wir jedoch nicht ausschließlich an ein blutiges Opfer denken.
Eine Gabe konnte beispielsweise aus Met, Bier, Nahrung, Getreide, Früchten oder anderen Gegenständen bestehen.
Das Entscheidende war nicht die Größe oder der materielle Wert der Gabe.
Entscheidend war die Haltung des Menschen, der sie darbrachte.
Ein Blót schafft Beziehung.
Wir geben etwas und treten dadurch in einen bewussten Austausch mit den Mächten, die wir ehren.
Auch im Hávamál finden wir den Gedanken, dass beim Opfern Maß gehalten werden soll:
Besser ist nicht gebetet als zu viel geopfert.
Die Gabe verschafft sich selbst Vergeltung.
Besser nichts gesendet als zu viel vernichtet.
Die Gabe muss also nicht groß sein.
Es geht nicht darum, möglichst viel zu opfern oder die Götter mit materiellen Dingen „zufriedenzustellen“.
Es geht um die Geste, die Dankbarkeit und die Bereitschaft, etwas zurückzugeben.
Eine Schale Met. Brot oder Getreide. Früchte. Blumen. Etwas aus der Natur.
Oder etwas, das für uns persönlich eine Bedeutung trägt.
Die Gabe wird zu einem Zeichen:
Ich sehe euch.
Ich ehre euch.
Ich erinnere mich.
Ich danke euch.
Das Álfablót bedeutet wörtlich das Blót für die Álfar.
Die historischen Quellen zu diesem Fest sind äußerst knapp. Ein wichtiger Hinweis findet sich in den Austrfararvísur des Skalden Sigvatr, der während einer Reise in Schweden an einem Hof abgewiesen wurde, weil dort gerade Álfablót gefeiert wurde.
Dies lässt darauf schließen, dass das Álfablót eine persönliche und möglicherweise innerhalb des Hauses oder der Familie begangene Feier war.
Es war offenbar kein großes öffentliches Fest.
Vielleicht liegt gerade darin seine besondere Kraft.
Das Alfablot war eine Zeit, in der man sich bewusst den eigenen Schutz- und Ahnenmächten zuwandte.
Eine Zeit der Verehrung.
Eine Zeit der Gabe.
Eine Zeit der Verbindung mit der Anderswelt.
Beim Alfablot wenden wir uns unseren Ahnen zu.
Nicht nur den Menschen, deren Namen wir kennen.
Nicht nur unseren Eltern, Großeltern und Urgroßeltern.
Sondern der langen Kette all jener Menschen, durch die das Leben bis zu uns weitergegeben wurde.
Wir ehren unsere Blutslinie.
Wir ehren unsere geistigen Ahnen.
Wir ehren jene, deren Wissen, Kraft und Liebe uns erreicht haben.
Und wir ehren die lichtvollen Ahnen – jene, die den Kreislauf von Tod und Wiedergeburt überwunden haben und als erleuchtete Wesen weiterwirken.
Doch unsere Verehrung endet nicht bei den menschlichen Ahnen.
Wir wenden uns auch den Álfar, den Naturwesen und den anderen lichten Wesen zu, die mit der Welt und ihren Kräften verbunden sind.
So wird das Alfablot zu einem Fest einer viel größeren Gemeinschaft als nur der menschlichen.
Mein Alfablot verbindet deshalb mehrere Ebenen:
Freyja und ihre neun Maiden.
Die lichtvollen Álfar.
Unsere Ahnen und die erleuchteten Ahnen.
Die Naturwesen und geistigen Kräfte der Erde.
Und die Götter, die über die Welten und die Kräfte des Lebens wachen.
Freyja steht dabei im Mittelpunkt.
Sie führt uns.
Sie schützt den heiligen Raum.
Sie öffnet die Tore zur Magie.
Und sie begleitet uns auf unserem Weg zwischen Leben, Tod, Wandlung und Erneuerung.
Die neun Maiden stehen an ihrer Seite.
Die Ahnen werden gerufen und geehrt.
Den Álfar werden Gaben dargebracht.
Und die Götter werden angerufen und mit Respekt verehrt.
Das Alfablot gehört für mich in die dunkler werdende Zeit des Jahres.
Die Ernte ist eingebracht.
Die Natur zieht sich zurück.
Die Tage werden kürzer.
Das äußere Leben wird stiller.
Und unser Blick richtet sich nach innen.
Wir erinnern uns an das Vergangene.
Wir ehren jene, die vor uns gegangen sind.
Wir danken für das Leben, das durch sie zu uns gekommen ist.
Und wir öffnen uns für die Kräfte, die jenseits unserer sichtbaren Welt wirken.
Das Alfablot ist für mich deshalb kein Fest der kleinen Elfen aus den Märchen.
Es ist ein Fest der Álfar.
Ein Fest der Ahnen.
Ein Fest der Götter.
Ein Fest der Natur und der unsichtbaren Kräfte des Lebens.
Und vor allem ist es ein Fest zu Ehren von Freyja und ihren neun Maiden.
Wir bringen unsere Gaben dar.
Wir sprechen die Namen unserer Ahnen.
Wir erinnern uns.
Wir danken.
Wir bitten um Schutz und Segen.
Und wir verbinden uns mit dem großen Strom des Lebens, der uns mit denen verbindet, die vor uns waren, mit denen, die heute mit uns gehen, und mit jenen, die nach uns kommen werden.
Heil den Ahnen.
Heil den Álfar.
Heil den Göttern.
Heil Freyja und ihren neun Maiden.
Für gute Ernte und Frieden.